Am 09.05.2026 fand die Göcon – eine Spieleveranstaltung für Groß und Klein – in Göttingen statt. Als Künstlerin und Gestalterin von Grafiken für die Spielkarten zu dem Cardgame 5GODDESSES bin ich mit dem 5GODDESSES-Team nach Göttingen gefahren, um meine Bilder aus dem Spiel 5GODDESSES in einem Gebäude der Universität zu präsentieren. Nach der Veranstaltung fiel bei einigen von uns der Beschluss, den Samstag mit einem kulturellen Angebot ausklingen zu lassen, zumal ich zum ersten Mal in Göttingen gewesen bin. Zeitlich und inhaltlich hatte uns der Besuch des Schauspiels Being Lou Salomé zugesagt.

Wir hatten vor der Vorstellung noch etwas über eine Stunde Zeit, die wir für einen Spaziergang zu einigen Sehenswürdigkeiten in Göttingen genutzt haben. Das neue Rathaus ist ein unspektakuläres Hochhaus, das alte Rathaus sieht hingegen schön historisch aus. Den Gänseliesel-Brunnen haben wir auch gesehen. In Göttingen sind die alten Häuser erhalten, das Stadtbild wirkt architektonisch harmonisch und als Stadtmensch aus Hannover fühlt man sich durch die schöne Architektur, die Fachwerkhäuser und die steingepflasterten Straßen im Altstadtbereich sanft in vergangene Zeiten zurückgesetzt.

Es war ein schöner Tag: Das sommerliche Wetter und die gute Laune der Leute (an diesem Wochenende gab es ein übergeordnetes Spielefest über die Stadt verteilt), die Studierenden, die man hier und da sah und Ältere, die ihr Wochenende genossen haben. Ich habe mir die Gebäude links und rechts von den Straßen aus angeschaut und mich gefreut, dass noch so vieles von früher erhalten geblieben war. So schwelgte ich bereits vor der Vorstellung in den vergangenen Zeiten von Göttingen, wo auch Lou Andreas-Salomé einen Teil ihres Lebens verbracht hatte. Das Ende des Spaziergangs führte uns zu dem Gebäude, in welchem die Aufführungen des Jungen Theaters Göttingen stattfinden.

Der Abend in Göttingen: Schauspiel Being Lou Andreas-Salomé

Wir hatten Glück. Es handelte es sich um die Uraufführung des Stücks Being Lou Andreas-Salomé von Lutz Keßler und es herrschte eine rege, lebendige Stimmung. Es waren viele Besucher da, vom Alter ganz unterschiedlich. Viele Junge und noch mehr Ältere. Wir waren gespannt was uns erwartet.

Wir setzten uns in den Aufführungssaal, dieser füllte sich und am Ende hörte man überall Menschen miteinander reden und die Vorstellung erwarten. Das Bühnenbild zeigte eine Leinwand als Hintergrundbild. Kein Mensch auf der Bühne, aber alle Zuschauer hatten diese Wand auf der Bühne vor sich, auf welcher sich eine Art Computerprogramm darbot. Nicht ChatGPT, aber etwas in der Richtung. Was hat es damit auf sich? Hat der Administrator das aktuelle Bühnenbild noch nicht projiziert oder sollte das so sein? Den Gedanken hatte ich nur eine Sekunde. Natürlich musste die Darstellung zum Bühnenbild gehören. Aber ging es nicht um eine Frau, die früher gelebt hatte? Die Welt, in der sie lebte, ist in Hinblick auf Kommunikation auf eine gewisse Weise das Gegenteil der heutigen Welt, wo viele Menschen auf ihr Smartphone starren und das Internet und ChatGPT als Gesprächspartner für ihre Lebensfragen nutzen.

Wer war Lou Andreas-Salomé?

Lou Andreas-Salomé wurde 1816 in Russland, St. Petersburg geboren und nach Stationen u. a. in der Schweiz und Italien lebte sie bis zu ihrem Lebensende im Jahr 1937 in Göttingen. Sie hatte sich mit ihren Texten einen Namen u. a. in der Psychoanalyse gemacht und gehörte zu den wenigen Frauen in den Kreisen der Philosophen ihrer Zeit, die Bekanntheit erlangt hatten.

Das Stück ist in drei Lebensbereiche unterteilt: Die junge Lou (gespielt von Vivien Hübke), die mittelalte Lou (gespielt von Lenja Kempf) und die alte Lou (gespielt von Kristin Becker). Zunächst trat die älteste Lou auf und begann, mit der großen Leinwand zu sprechen, die an ChatGPT erinnerte und ihr auch entsprechend geantwortet hatte (Stimme: Jan Reinartz). So sprach die älteste Lou mit dem KI-Programm namens LAS.AI über ihr Leben und nach und nach kamen die zwei weiteren Lous dazu. Die alte Lou spielte ihre Rolle ruhig, nicht provokant, sondern gemäß der Umgebung, in der sie sich befand und in dem Alter, in dem sie war, zurückgezogen und wissend. Sie spielte auch eine vorsichtige Lou, was nachvollziehbar war, da in der Zeit, wo Lou alt war, die Nationalsozialisten an die Macht kamen und bestimmte Verbindungen sowie Aussagen für sie eine Gefahr darstellen könnten.

Die junge Lou hingegen war voller Elan und Begeisterung, ein Wirbelwind, sprühend vor Energie und Wissensdrang. Was mich erst verwirre, war, dass die Schauspielerin der jungen Lou so aussah, wie das historische Foto der jungen Lou. Ich hatte mich gefragt, ob das Bild an das Aussehen der Schauspielerin für das Schauspiel angepasst wurde, frei nach dem Motto, KI generiert. Dies war jedoch nicht der Fall, die junge Schauspielerin ähnelte dem Foto, was ich im Nachgang auf Wikipedia fand, wirklich sehr, eine gelungene Verkörperung!

Die mittlere Lou hatte etwas von den beiden anderen Lous, noch nicht so ruhig wie die alte Lou, aber auch nicht so jugendlich aufgeweckt wie die junge Lou. Sie wusste, welche Wege ihr offen standen und welche nicht und passte sich an die Situation an.

Jede der Lous hatte das schwarze, hochgeschossene Kleid an, sah aber ganz anders aus und doch wusste jede von ihr, die Rolle der gespielten Frau auf ihre eigene Art überzeugend darzustellen. Das schwarze Kleid ist auch auf dem bekannten Spaß-Foto zu sehen, wo Lou Andreas-Salomé Paul Rée und Friedrich Nietzsche vor den Karren gespannt hatte (Idee von Nietzsche). Bei den vielen kleinen Auszügen aus ihrem Leben wird auch kurz auf dieses Foto im Schauspiel eingegangen.

Lous Gespräch mit einem KI-Chat Bot über ihr Leben

Da ich persönlich keine Erinnerung habe, vorher etwas von Lou Andreas-Salomé gehört zu haben, war meine Sicht auf die gespielte Geschichte ganz unvoreingenommen. In dem Schauspiel wurde ihr Leben durch Gespräche mit einem Chatbot abgehandelt, was clever gemacht war, da es altes und neues miteinander verschmolz und eine Geschichte schuf, in welcher verschiedene historische Bilder auf der Leinwand eingeblendet werden konnten (weil das System diese zum Beispiel als antworten im Gesprächsverlauf mit den Lous anzeigte. Mit dem KI Chatbot rekonstruierte sich die Lebensgeschichte von Lou. Es wurden Lebenssituationen beschrieben und wie sie sich dabei gefühlt haben mag. Das ganze Schauspiel hatte einen Schwerpunkt auf den Gefühlen von Lou. Mit Antworten auf Fragen, wie sie sich wohl in welcher Situation fühle und wie sie dachte. Der Abend erinnerte an ein anregendes Gespräch in einem Café, so wie wenn man mit guten freunden klönt und über das Leben philosophiert. Kurzweilig und doch fesselnd und spannend.

Vergleich mit dem Film über Lou Andreas-Salomé

Nachdem ich das Schauspiel gesehen hatte, habe ich angefangen mehr über die Frau Lou Andreas Salomé zu recherchieren und wurde schnell fündig. Im Jahr 2016 war ein Film über sie erschienen, der in den deutschen Kinos gezeigt wurde. Diesen Film habe ich mir auf Amazon Prime angesehen und entdeckte Parallelen zum Schauspiel. Wie sollte es auch anders sein, schließlich ist es die gleiche Frau mit dem gleichen Leben und es handelte sich um eine Biografie. Auch in dem Film wurde ihr Leben dreigeteilt und von (mindestens) drei unterschiedlichen Schauspielerinnen gespielt.  Auch dort gab es eine Rückblende der alten Lou. Im Film geschah dies jedoch durch den Germanisten Ernst Pfeiffer, der ihr half, ihre Memorien zusammenzufassen.

Fazit zum Schauspiel Being Lou Andreas-Salomé

Zurück zur Aufführung: Die Aufführung dauerte 75 Minuten (ohne Pause). An dem Schauspiel hat mir das Thema besonders gut gefallen. Das Stück wird in Göttingen aufgeführt, der Stadt, wo Lou Andreas-Salomé viel ihrer Lebenszeit verbrachte. Außerdem war die Aufmachung geschickt durchdacht und auf mehreren Ebenen bemerkenswert. Um sich selbst zu analysieren, nutzte die Schauspiel-Lou einen KI-Chatbot System. Das bringt Geschichtliches informativ und unterhaltsam in die moderne Zeit. Alt und Jung wurden im Schauspiel gleichermaßen angesprochen. Eine Erkenntnis zum Schluss: Das Programm LAS.AI steht für “Lou Andreas-Salomé AI”, also ihre eigene KI-Anwendung.

Im Anschluss an das Stück gab es noch die schöne Gelegenheit auf den Auftakt anzustoßen und sich untereinander auszutauschen. Das Schauspiel hat mir sehr gut gefallen.

Mitwirkende und weitere Informationen

Being Lou Andreas-Salomé

Von Lutz Keßler

Produktion: Junges Theater Göttingen

Besetzung

  • Alte Lou: Kristin Becker
  • Mittlere Lou: Lenja Kempf
  • Junge Lou: Vivien Hübke
  • Stimme: Jan Reinartz

Künstlerisches Team

  • Inszenierung und Ausstattung: Lutz Keßler, Christian Vilmar
  • Dramaturgie: Christian Vilmar
  • KI-Inhalte: Lutz Keßler

Weitere Mitwirkende

  • Regieassistenz: Lisa Gröne (FSJ)
  • Licht und Ton: Heiner Wortberg, May Maybe, Pablo Salvador Castro
  • Schneiderei: Ilona Tappe, Sigrid Aleksiejus
  • Leitung Bühnentechnik: Jost Leßmann

Werkstätten, Bühnen- und Veranstaltungstechnik

Heiner Wortberg (Meister E-Technik), Jost Leßmann (Leitung Bühnentechnik), Pablo Salvador Castro, Mykola Beznosko, Werner Heinke, Björn Jakob, Laura Kruse, May Maybe, Yurie-Marek Giesler, Franziska Hentschel, Christian Ole Meier, Zoe Ott, Ronny Winter.

Weitere Abteilungen

  • Kostümabteilung: Ilona Tappe (Leitung), Sigrid Aleksiejus, Helene Bodenhausen, Jala Ludwig, Xenia Waldburg-Zeil
  • Raumpflege: Bärbel Gries, Wolfgang Gries
  • Theaterkasse: Marita Koenig, Louisa Lorenz, Yvonne Gebert, Wernfried Reim, Barbara Stampe
  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Julian Schima (Leitung), Nathalie Thomas
  • Fotografie: Dorothea Heise, Peter Heller, Sven Martens, Jochen Quast
  • Dramaturgie: Christian Vilmar (Leitung), Isabelle Küster
  • Theaterpädagogik: Benita Dobberstein
  • Regieassistenz: Vivien Hübke (Leitung), Lisa Gröne (FSJ), Luzi Wedekind (FSJ)
  • Verwaltung: Sascha Gebert

Theater

Junges Theater Göttingen
Spielzeit 2025/2026

  • Intendant: Nico Dietrich
  • Geschäftsführer: Tobias Sosinka
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